Karsamstag als Übergangszeit zwischen nicht mehr und noch nicht
Liebe Seniorinnen und Senioren!
Sie kennen sicher die Redewendung: „Ich hänge momentan total in der Luft“.
Menschen, die das sagen, fühlen sich oftmals ohnmächtig, traurig, kraftlos und
wissen nicht, wie es weitergehen soll: wenn sie beim Arzt waren und auf eine
möglicherweise lebensverändernde Diagnose warten; wenn junge Menschen den
Schulabschluss machen und nicht wissen, welchen Weg sie einschlagen sollen;
wenn ein Mensch stirbt und die Angehörigen nicht wissen, wie sie weiterleben
können. Dieses „in der Luft hängen“ erleben wir als Übergangszeit, wenn etwas
Altes zu Ende geht oder zu Ende gegangen ist und das Neue noch nicht sichtbar
wird und wir auch nicht wissen, ob das Neue Gutes oder Schlechtes bringt. Wie
viele solcher Übergangszeiten haben Sie schon erlebt? Wie ging es Ihnen in
diesen Zeiten? Hatten Sie jemanden, der Sie durch diese Zeiten begleitet und
diese Zeiten mit Ihnen ausgehalten hat?
Eine solche Übergangszeit erleben wir auch an Ostern. Es gibt kein Osterfest
ohne Karfreitag und Karsamstag. Am Karfreitag ging das Alte, die vorläufige
Geschichte mit Jesus, zu Ende. Die Menschen um Jesus mussten den ganzen
Karsamstag aushalten. Sie „hingen in der Luft“, fühlten sich ohnmächtig und
traurig, weil sie nicht wussten, wie es weitergeht. Das Alte war zu Ende und das
Neue hatte noch nicht begonnen. Und auch Jesus selbst hing ja buchstäblich am
Kreuz „in der Luft“ zwischen Himmel und Erde, Leben und Tod.
Diese Karsamstags-Erfahrung machen wir immer wieder. Sie ist schwer
auszuhalten und wir dürfen auch nicht vorschnell über sie hinweggehen und die
Menschen vertrösten. Im Credo sprechen wir davon, dass Jesus nach seiner
Kreuzigung hinabgestiegen ist in das Reich des Todes. An einen Ort der
Lebensferne und -feindlichkeit, der Ohnmacht, Trauer, des Nicht-mehr-handeln-
Könnens. Wie viele Menschen erleben dies tagtäglich.
Die Botschaft des Karsamstags ist, dass Christus mit uns mithinabsteigt an diesen
Ort und dort bei uns ist. Er hält diese Übergangszeiten, in denen wir vielleicht
weder ein noch aus wissen, mit uns aus. Wir sind in diesen Tiefen nicht allein und
Ostern verheißt uns, dass es danach zu einem guten Ende kommen kann, wenn
Jesus Christus gemeinsam mit uns wieder hinaufsteigt und das Leben verwandelt
wird.
Wir feiern an Ostern nicht die heile Welt! Wir begehen an Ostern das Leben mit
seinen tiefsten Tiefen; das Leben in all seiner Ernsthaftigkeit und Dramatik. Doch
wir glauben daran, dass wir darin nicht verloren und allein sind, sondern von
Jesus Christus begleitet und irgendwann wieder mithinaufgezogen werden, damit
ein neuer Aufbruch zu einem unzerstörbaren Leben möglich wird.
So wünsche ich Ihnen zu diesem Osterfest, dass Sie in Ihren ganz persönlichen
Karsamstagen das Mitaushalten durch Jesus Christus erfahren dürfen und Ihnen
danach immer wieder ein neues Ostern geschenkt wird – bis das endgültige
Osterfest gefeiert wird.
Ihr
Reinhard Kardinal Marx
Erzbischof von München und Freising