Predigt vom 11.10.2026 von Pfr. Hermann Würdinger
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Den Glauben neu entdecken
Was mach ich da eigentlich? – so fragte sich eine Freundin von mir. Ich gehe täglich in mein Büro zur Arbeit, aber irgendwie habe ich nicht so richtig Spaß am Job. Meinen Posten als Teamassistentin, den hatte ich mir anfangs ganz anders vorgestellt. Ich wollte mich selbst mehr einbringen mit dem, was ich kann. Doch nun ist es ein tagtägliches Einerlei. Ich telefoniere, mache Termine klar, bereite Sitzungsunterlagen vor und mache Aktenablage. Eine Kollegin bemerkte meine Unzufriedenheit und gab mir den Rat: „Mach doch einfach mal so ein Coaching. Da sind Fachleute, die schauen mit dir zusammen darauf, wo du im Beruf stehst, wo deine Stärken und Fähigkeiten liegen und wie du etwas daraus machen kannst, so dass du in Zukunft mit dir und deinem Job mehr zufrieden bist.“ Ich habe es gemacht und es hat mein Leben irgendwie auf den Kopf gestellt. Der Coach fragte mich: „Welche Vision hast du für deinen Beruf? Was willst du erreichen?“ Da wurde mir klar, dass ich eigentlich einen Job haben möchte, in dem ich kreativ bin und anderen eine Freude machen kann. Es hat einige Zeit gedauert, aber nun habe ich zusammen mit einer Freundin einen Blumenladen aufgemacht und ich muss sagen: „Das war das Beste, was ich tun konnte. Ich bin nun glücklich und zufrieden und freue mich auf jeden Tag, an dem ich in den Laden gehe.“
Was mach ich da eigentlich? – so fragen sich viele auch mit dem Blick auf ihren Glauben. Ich gehöre zu einer Gemeinschaft, wie zu einem Verein. Dort bekomme ich bestimmte Leistungen, wenn ich sie in Anspruch nehmen möchte. Insofern ist es eher eine Zweckgemeinschaft. Es gibt auch ein paar Regeln, aber die sind anscheinend nicht so wichtig, solange ich nur beim Verein bleibe. Jedoch ist diese Kirche, meine Gemeinde, wirklich der Ort, an dem ich mich mit dem einbringen kann, was in mir steckt? Ein Ort, an dem ich bleiben will? Finde ich dort wirklich einen Mehrwert für mein Leben, der es rechtfertigt, da mitzumachen? Oder sollte ich nicht längst das tun, was schon so viele gemacht haben: Kirche Kirche sein lassen und einfach nur gehen und vielleicht schauen, ob ich etwas Besseres für mich finde? Mit Blick auf meine Freundin denke ich mir oft: Auch im Glauben und für das Leben in der Gemeinde vor Ort und in der Kirche bräuchte es manchmal so etwas wie einen Coach, der hilft zu schauen, wo man steht, was man kann und wohin man überhaupt will.
Oft bemerken wir es nicht, doch bei genauerem Hinsehen erweist sich Jesus selbst manchmal als Coach. In seinen Reden, besonders in seinen Gleichnissen, möchte er seine Jünger und die anderen Zuhörer, wie auch die Ältesten des Volkes, die Schriftgelehrten und die Pharisäer anleiten, von sich aus dem Glauben auf die Spur zu kommen. Er belehrt nicht und sagt: „Du musst und du darfst nicht!“ Vielmehr befähigt er die Menschen, in sich hineinzuhorchen und für sich zu entdecken und zu entscheiden.
Wir kennen viele Gleichnisse, die beginnen mit den Worten: „Mit dem Himmelreich ist es wie …“ Das Himmelreich, oder das Reich Gottes, wie es bei den anderen Evangelisten heißt, ist die zentrale Botschaft, von der Jesus immer wieder redet. Von Gott, seinem Vater, weiß er, wie es aussieht. Denn sobald er davon redet, wird es schon in gewisser Weise Wirklichkeit. Es entsteht eine Kontrastwelt zur bedrückenden Welt wie wir sie erfahren. Das Himmelreich ist nicht irgendwo fern im Himmel, sondern gerade in unserer Welt und in unserem Leben. Wenn Jesus vom Himmelreich spricht, knüpft er an die Erwartungen an, die zu seiner Zeit im Judentum lebendig waren: Man hoffte auf ein Eingreifen Gottes, das die ganze Welt von Unrecht, Leid und Tod befreien würde. Und dieses Himmelreich, das schon angebrochen ist und am Ende der Zeiten seine Vollendung finden wird, dieses Himmelreich bietet Jesus auch uns immer wieder als Vision für unser Leben und unser Handeln als Christ oder Christin an. An mir und an jeder und jedem von uns liegt es, ob ich mich auf diese Vision einlasse, ob ich dieser Vision vom Himmelreich traue und sie zur Vision für mein Leben mache. An mir selbst liegt es, welche Ziele ich mir für mein Leben und Handeln von dieser Vision vom Reich Gottes ausgehend setze und verfolge. An mir selbst liegt es, wie weit ich mithelfe, dass dieses Reich Gottes für die Menschen und die Welt um mich herum Wirklichkeit wird. Glauben wird damit zur Entscheidung. Glaube ist nicht ein Fürwahrhalten von Glaubenssätzen, die kluge Leute definiert haben. Glaube ist nicht das Befolgen von moralischen Vorschriften, die einmal für gut befunden und festgeschrieben wurden. Glaube ist vielmehr meine tägliche Entscheidung, am Reich Gottes mitzuwirken. Für das Reich Gottes darf ich kreativ werden. Ich darf es wachsen lassen durch meine Fähigkeiten mit meinen Stärken – oder wie es Theologen nennen – Charismen. Dazu bin ich durch meine Taufe berufen. Dazu bin ich durch den Geist Gottes, der mir in der Firmung zugesagt wird, gesandt und befähigt.
Wenn uns heute im Evangelium das Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl vorgelegt wird, dann ist das zunächst eine Einladung an uns, einmal zu schauen, wie steht es mit meinem Verständnis von Christsein? Was verstehe ich unter Glauben und Glaubensleben? Kann ich damit an die Vision vom Himmelreich, die Jesus uns zu entdecken gibt, anknüpfen? Oder werde ich im Glauben von anderen Visionen beeinflusst und geleitet? Es könnten sogar Visionen sein, die sich offen gegen die Botschaft Jesu stellen, ja im Extremfall versuchen diese Botschaft und alle, die ihr dienen, zu töten. Das Gleichnis sagt klar und deutlich: Es liegt bei dir, wie du dich entscheidest.
Aber indirekt ist es auch nochmals werbend. Wenn Jesus vom Hochzeitsmahl spricht, dann klingt für einen Juden sofort auch die Prophetie des Jesaja an, der wir in der Lesung begegnet sind. Sie erzählt vom Festmahl am Ende der Zeiten, zu dem alle Völker und Nationen geladen sind. Bei diesem Festmahl fällt alles von den Menschen ab, was ihr Leben beschwert: Versagen, Schuld, das Entscheiden gegen die Vision, die von Gott kommt. Und die Erfahrung tritt in den Mittelpunkt: Gott rettet. Er ist der Grund unserer Freude. So ist das Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl eine Einladung für uns, an der Freude teilzunehmen, die uns Gott durch seinen Sohn bereitet hat. Es ist die Einladung zum Fest des Lebens, das kein Ende finden wird. Ein Fest, von dem wir im gemeinsamen Gottesdienst eine kleine Vorahnung bekommen.
Amen.