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In dieser Rubrik stellen wir in loser Reihenfolge aktuelle Themen aus christlicher Sicht zur Verfügung, die wir für lesenswert halten.

Josiah Presley, Der Junge, der nicht hätte leben sollen von Fr. Johannes Neuss SJM

Josiah Presley
Es gibt Geschichten, die weit über die Frage hinausgehen, wie ein Mensch geboren wurde. Die Geschichte von Josiah Presley gehört dazu. Sie handelt von einem Jun­gen, der einen Abtreibungsversuch überlebte, von den Narben, die dieses Ereignis hinterließ, und von einem langen Weg, der ihn von Schmerz und Verbitterung zu Dankbarkeit und Vergebung führte. Was Josiahs Geschichte so außergewöhnlich macht, ist nicht allein die Tatsache, dass er lebt, obwohl er eigentlich nie hätte ge­boren werden sollen. Es ist vielmehr die Art und Weise, wie er mit dieser Wahrheit umging und wie sie sein Leben geprägt hat.

Josiah wurde am 7. Oktober 1995 in Südkorea geboren. Seine biologische Mutter lebte damals bereits seit meh­reren Jahren mit ihrem Partner zu­sammen, und das Paar hatte schon eine Tochter. Als sie erneut schwanger wurde, fühlte sich die Familie den wirt­schaftlichen Belastungen eines weiteren Kindes offenbar nicht gewachsen. Des­ halb entschied sich die Mutter in der achten Schwangerschaftswoche für eine Abtreibung.

Nach dem Eingriff ging man zunächst davon aus, dass die Schwangerschaft beendet worden war. Erst im weiteren Verlauf stellte sich bei einer ärztlichen Untersuchung heraus, dass das ungeborene Kind den Eingriff überlebt hat­te und sich weiterhin entwickelte. Die Schwangerschaft wurde daraufhin fort­gesetzt. Nach der Geburt entschieden sich die Eltern schließlich, das Kind zur Adoption freizugeben.

Als Josiah zur Welt kam, war er über­raschend gesund. Lediglich sein rechter Arm war schwer deformiert. Ob diese Behinderung eine direkte Folge des ge­scheiterten Abtreibungsversuchs war, lässt sich heute nicht mit letzter Sicher­heit sagen. Für Josiah selbst wurde sie jedoch zu einem lebenslangen sicht­baren Zeichen seiner ungewöhnlichen Vorgeschichte. Nach seiner Geburt ver­brachte er zunächst mehr als ein Jahr in einer Pflegeeinrichtung, bevor ihn eine amerikanische Familie adoptierte und nach Oklahoma brachte. Dort begann ein völlig neuer Lebensabschnitt.

In seiner Adoptivfamilie wuchs Josiah in einem liebevollen und von christlichen Werten geprägten Umfeld auf. Seine El­tern behandelten ihn nie als jemanden, dem etwas fehlte. Stattdessen ermutig­ten sie ihn, seine Fähigkeiten zu entde­cken und seine Möglichkeiten auszu­schöpfen. Trotz seines fehlenden Arms führte er ein aktives Leben, betrieb Sport, engagierte sich bei den Pfadfin­dern und lernte früh, Herausforderun­gen nicht als Hindernisse, sondern als Aufgaben zu betrachten. Seine Behin­derung war zwar Teil seines Alltags, be­stimmte jedoch nicht, wer er war.

Lange Zeit wusste Josiah nichts über die dramatischen Umstände seiner Geburt. Wie viele Adoptivkinder hegte auch er den Wunsch, eines Tages mehr über sei­ne Herkunft zu erfahren. Er empfand Respekt gegenüber seinen leiblichen Eltern und war dankbar dafür, dass sie ihn zur Adoption freigegeben hatten. In seiner Vorstellung hatten sie ihm da­durch die Chance auf ein gutes Leben ermöglicht. Dieses Bild blieb bestehen, bis seine Adoptiveltern ihm im Alter von 12 Jahren die ganze Wahrheit erzählten.

Die Nachricht traf ihn völlig unvorbe­reitet. Zum ersten Mal erfuhr er, dass seine biologische Mutter ursprünglich versucht hatte, die Schwangerschaft zu beenden. Plötzlich musste er sich mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass sein Leben beinahe ausgelöscht worden wäre, bevor es überhaupt begonnen hatte. Diese Erkenntnis erschütterte ihn tief. Viele Jahre später beschrieb er diesen Moment als einen der schmerz­haftesten seines Lebens. Die Vorstel­lung, dass die eigenen Eltern ihn nicht gewollt hatten, traf ihn ins Mark und veränderte seinen Blick auf sich selbst. In den folgenden Jahren kämpfte Josi­ah mit Wut, Enttäuschung und Selbst­zweifeln. Immer wieder stellte er sich die Frage, warum seine leiblichen Eltern ihn nicht gewollt hatten. Die Verletzung saß tief. Zeitweise litt er unter Depres­sionen. Die körperliche Behinderung, mit der er seit seiner Geburt lebte, war für ihn nie das größte Problem gewesen. Schwerer wog die emotionale Last, die mit der Erkenntnis verbunden war, dass sein Leben ursprünglich beendet wer­den sollte. Die Frage nach dem eigenen Wert und der eigenen Bedeutung wur­de zu einer ständigen Begleiterin.
Doch genau hier nimmt seine Ge­schichte eine bemerkenswerte Wen­dung. Mit zunehmendem Alter begann Josiah, seine Vergangenheit aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Statt sich ausschließlich auf die Ablehnung zu konzentrieren, richtete er seinen Blick immer stärker auf die Liebe, die ihm in seinem Leben begegnet war. Er erkann­te, wie bewusst sich seine Adoptiveltern für ihn entschieden hatten und wie viel Hingabe sie in seine Erziehung investiert hatten. Aus dem Gefühl, unerwünscht zu sein, entwickelte sich langsam die Er­kenntnis, dass es Menschen gab, die ihn nicht nur angenommen, sondern von Herzen gewollt hatten.

Gleichzeitig gewann sein christlicher Glaube immer mehr an Bedeutung. Josiah begann, seine eigene Geschichte nicht mehr als eine Kette tragischer Er­eignisse zu sehen, sondern als Teil eines größeren Zusammenhangs. Für ihn wurde die Tatsache, dass er die Abtrei­bung überlebt hatte, zu einem Zeichen dafür, dass sein Leben einen Sinn und einen Auftrag besitzt. Diese Überzeugung half ihm dabei, die Bitterkeit der vergangenen Jahre hinter sich zu lassen und einen neuen Umgang mit seiner Geschichte zu finden.

Schließlich gelangte er sogar an einen Punkt, an dem er seinen leiblichen El­tern vergeben konnte. Aus der Wut, die ihn so lange begleitet hatte, wurde Mitgefühl. Heute sagt er, dass er seine biologischen Eltern gerne kennenlernen würde. Nicht, um ihnen Vorwürfe zu machen, sondern um ihnen zu sagen, dass er ihnen vergeben hat. Diese Hal­tung macht seine Geschichte besonders. Sie zeigt einen Menschen, der sich nicht von den schlimmsten Erfahrungen sei­nes Lebens definieren lässt, sondern von einer Art und Weise, wie er auf sie reagiert hat.

Aus dieser persönlichen Entwicklung erwuchs auch sein öffentliches Engage­ment. Josiah begann, seine Geschichte bei Veranstaltungen und Konferenzen zu erzählen. Als Überlebender eines Abtreibungsversuchs bringt er eine Per­spektive in die gesellschaftliche Debat­te ein, die nur wenige Menschen bei­steuern können. Dabei spricht er nicht nur über die Umstände seiner Geburt, sondern auch über die Folgen, die sol­che Erfahrungen für einen Menschen haben können. Seine Vorträge handeln von Verletzung und Heilung, von Ablehnung und Annahme, von Hoffnung und Vergebung.

Heute betrachtet Josiah sein Leben als Geschenk. Die Ereignisse vor seiner Ge­burt haben ihn geprägt, aber sie bestim­men nicht seine Identität. Viel wichtiger ist für ihn die Erkenntnis, dass selbst aus den dunkelsten Kapiteln eines Lebens etwas Gutes entstehen kann. Seine Ge­schichte ist deshalb weit mehr als die Erzählung eines gescheiterten Abtrei­bungsversuchs. Sie ist die Geschichte eines Menschen, der gelernt hat, über Schmerz hinauszuwachsen und aus einer tiefen Wunde eine Quelle der Hoffnung für andere zu machen. Gera­de darin liegt die besondere Kraft seines Lebenszeugnisses.