Kaum eine Aussage über Maria erscheint dem modernen Menschen fremder als die Behauptung, sie sei nicht nur bei der Empfängnis Jesu Jungfrau gewesen, sondern ihr ganzes Leben lang geblieben. Vielen gilt dies als spätere Übertreibung der Frömmigkeit oder gar als unbiblische Vorstellung.
Dabei gehört der Glaube an die immerwährende Jungfräulichkeit Mariens zu den ältesten Überzeugungen des Christentums. Schon die Kirchenväter des 2. und 3. Jahrhunderts sprechen selbstverständlich davon. Das Zweite Konzil von Konstantinopel (553) nennt Maria später sogar offiziell „Aeiparthenos“ - die „Immerjungfrau“.
Doch wie kamen die frühen Christen zu einer solch außergewöhnlichen Überzeugung? Widerspricht das nicht den Evangelien selbst, die von den „Brüdern“ Jesu sprechen?
Der amerikanische Bibelwissenschaftler Brant Pitre zeigt: Liest man die Evangelien im jüdischen Kontext des ersten Jahrhunderts, ergeben sich überraschende Hinweise darauf, dass Maria tatsächlich ein Leben dauernder Jungfräulichkeit gewählt hatte.
„Wie soll das geschehen?“ — Marias rätselhafte Frage
Der Schlüssel liegt zunächst in der Verkündigungsszene des Lukasevangeliums. Der Engel Gabriel kündigt Maria an: „Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären.“ (1,31)
Maria antwortet: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ (1,34)
Auf den ersten Blick scheint diese Frage selbstverständlich. Doch betrachtet man die Situation genauer, wird sie überraschend.
Denn Maria war bereits mit Josef verlobt. Nach jüdischem Recht bedeutete dies mehr als eine moderne Verlobung. Die Frau galt bereits als rechtmäßige Ehefrau, auch wenn die eigentliche Hochzeitsfeier und das Zusammenziehen noch ausstanden (vgl. Dtn 22,23- 24).
Warum also fragt Maria überhaupt nach dem „Wie“? Denn jede jüdische Frau hätte selbstverständlich angenommen, das verheißene Kind später im normalen ehelichen Zusammenleben zu empfangen.
Gerade deshalb hat Marias Antwort eine tiefere Bedeutung. Denn im griechischen Urtext sagt Maria nicht einfach: „Ich bin Jungfrau“, sondern wörtlich: „Ich erkenne keinen Mann.“
Im biblischen Sprachgebrauch ist „erkennen“ ein üblicher Ausdruck für eheliche Gemeinschaft. So heißt es in Genesis 4, 1: Adam erkannte Eva, seine Frau.“
Marias Aussage beschreibt daher nicht nur ihre gegenwärtige Situation, sondern eine grundsätzliche Lebenshaltung. Viele Kirchenväter sahen darin den Hinweis auf ein Gelübde der Jungfräulichkeit.
Augustinus (t 430) schreibt: „Sie hätte gewiss nicht so geantwortet, wenn sie nicht zuvor Gott ihre Jungfräulichkeit gelobt hätte.“ (De sancta virginitate 4,4)
Gab es im Judentum Gelübde der Enthaltsamkeit?
An dieser Stelle entsteht sofort ein Einwand: Konnte eine jüdische Frau überhaupt innerhalb einer Ehe ein Leben der sexuellen Enthaltsamkeit wählen? Erstaunlicherweise lautet die Antwort: ja.
Im Buch Numeri findet sich ein heute oft übersehener Abschnitt über Gelübde verheirateter Frauen (Num 30,7-16). Dort ist ausdrücklich von Frauen die Rede, die sich zu „Enthaltsamkeit“ verpflichten. Entscheidend dabei: Wenn der Ehemann von einem solchen Gelübde erfährt und nicht widerspricht, bleibt es gültig.
Auch spätere jüdische Quellen kennen Formen freiwilliger Enthaltsamkeit. Der jüdische Historiker Josephus (f um 100 n. Chr.) berichtet beispielsweise von den Essenern, die zeitweise auf eheliche Beziehungen verzichteten (Bellum Judaicum 11,160-161). Philo von Alexandrien (t 40 n. Chr.) erwähnt jüdische Frauen, die freiwillig jungfräulich lebten (De vita contemplativa 68).
Damit erscheint Marias Verhalten plötzlich keineswegs unjüdisch oder unmöglich. Vielmehr fügt es sich in einen damals bekannten religiösen Horizont ein.
Josef - der gerechte Bewahrer des Geheimnisses
Ein weiterer Hinweis findet sich im Matthäusevangelium: „[Josef] erkannte [Maria] aber nicht, bis sie ihren Sohn gebar.“ (Mt 1,25)
Oft wird dieses „bis“ so verstanden, als hätten Josef und Maria danach eine gewöhnliche Ehe geführt. Doch sprachlich ist dies keineswegs zwingend. Denn das biblische „bis“ beschreibt häufig nur einen Zeitraum, ohne eine spätere Veränderung auszudrücken.
So heißt es etwa: „Michal, die Tochter Sauls, hatte bis zu ihrem Tod kein Kind.“ (2 Sam 6,23) Offensichtlich bekam sie nach ihrem Tod keine Kinder mehr.
Ebenso sagt Jesus: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,20) Natürlich bedeutet dies nicht, dass Christus danach nicht mehr bei seiner Kirche wäre.
Der Satz des Matthäus will daher vor allem eines betonen: Jesus ist nicht der leibliche Sohn Josefs. Doch zugleich offenbart der Evangelist etwas Bemerkenswertes: Josef und Maria vollziehen ihre Ehe offenbar auch nach der Heimführung Mariens nicht.
Warum also diese Enthaltsamkeit? Pitre sieht darin ein starkes Indiz dafür, dass Josef das Gelübde Mariens angenommen hatte. Hier erscheint Josef nicht als widerwillig Verzichtender, sondern als „gerechter Mann“ (Mt 1,19), der das Geheimnis Gottes ehrfürchtig bewahrt.
Die „Brüder Jesu“ - Kinder einer anderen Maria?
Das häufigste Argument gegen die immerwährende Jungfräulichkeit Mariens lautet bis heute: Hatte Jesus nicht Brüder und Schwestern? In Markus 6,3 heißt es: „Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns?“
Doch dieselben Evangelien liefern eine überraschende Präzisierung. Unter dem Kreuz steht: „Maria, die Mutter des Jakobus des Kleinen und des Joses.“ (Mk 15,40) Damit werden Jakobus und Joses ausdrücklich einer anderen Maria zugeordnet. Matthäus nennt sie sogar: „die andere Maria“ (Mt 27,61). Johannes ergänzt schließlich: „Maria, die Frau des Klopas.“ (Joh 19,25)
Die sogenannten „Brüder Jesu“ erscheinen somit nicht als Kinder der Gottesmutter, sondern als Verwandte Jesu aus einer anderen Familie.
Dazu kommt: Im semitischen Sprachgebrauch konnte das Wort „Bruder“ auch nahe Verwandte oder Cousins bezeichnen. Schon die Septuaginta verwendet adelphos in diesem weiteren Sinn.
Besonders bemerkenswert ist zudem Jesu Verhalten am Kreuz. Er vertraut seine Mutter dem Apostel Johannes an: „Siehe, dein Sohn.“ (Joh 19,26)
Hätte Maria weitere leibliche Söhne gehabt, wäre dieses Verhalten kaum verständlich gewesen. Nach jüdischem Verständnis waren nämlich die eigenen Kinder zur Versorgung der Mutter verpflichtet.
Schon Athanasius (t 373) argumentierte deshalb: „Hätte Maria andere Kinder gehabt, hätte der Heiland sie nicht einem anderen anvertraut.“ (De virginitate 42, 243-244)
Die immerwährende Jungfrau als Zeichen der neuen Schöpfung
Warum aber war den frühen Christen diese Lehre so wichtig?
Die Antwort liegt letztlich in Christus selbst. Jesus lebte ehelos und sprach von Menschen, die „um des Himmelreiches willen“ auf die Ehe verzichten (Mt 19,12). Das jungfräuliche Leben weist nach seiner eigenen Lehre auf die kommende Welt hin: „Die aber, die der Auferstehung teilhaftig werden ... heiraten nicht mehr.“ (vgl. Lk 20,35)
Die Jungfräulichkeit ist somit kein Ausdruck einer Geringschätzung der Ehe. Sie ist vielmehr ein prophetisches Zeichen der neuen Schöpfung.
Wenn Maria aber die neue Eva ist, die neue Bundeslade und die Mutter des messianischen Königs, dann erscheint ihre immerwährende Jungfräulichkeit plötzlich nicht mehr als isolierte Sonderlehre, sondern als Teil des neuen Bundes. Die Kirchenväter sahen in ihr deshalb zugleich ein Bild der Kirche selbst: jungfräulich und doch fruchtbar. So schreibt Ambrosius von Mailand (f 397): Die Jungfrau ist Bild der Kirche: jungfräulich und doch Mutter, (vgl. De virginibus I, 31)
Maria weist damit über sich selbst hinaus. Ihre Jungfräulichkeit wird zum Zeichen dafür, dass mit Christus bereits die kommende Welt begonnen hat. In ihr leuchtet schon jetzt jene neue Schöpfung auf, in der Gott „alles neu“ macht (Offb 21,5).
Literatur. Brant Pitre, Jesus and the Jewish roots ofMary. Unveiling the Mother ofthe Messiah, New York: Crown Publishing Group, 2018