Paulus beginnt mit der Frage: Heiraten oder unverheiratet bleiben? „Du bist an eine Frau gebunden? Dann suche keine Lösung von ihr [also keine Trennung oder Scheidung], Du bist von einer Frau gelöst [hast also eine Ehefrau verloren]? Dann suche keine Frau mehr. Wenn du dann aber doch heiratest, sündigst du nicht. Und wenn die Jungfrau heiratet, sündigt sie nicht“ (7,27f). Paulus rät also, in dem Stand zu bleiben, in dem man derzeit ist. Wer sich dazu jedoch nicht durchringen kann, möge ohne Sünde heiraten. Das ist nun ein höchst merkwürdiger Rat. Danach ist es für Jungfrauen und verwitwete Männer in jedem Fall besser unverheiratet zu bleiben. Paulus bietet auch eine Begründung für seinen Rat, aber seine Begründung kommt uns heute befremdlich vor, denn sie entspricht in keiner Weise mehr unserem Lebensgefühl. Aber vielleicht sollten wir uns mit den Gedanken oder besser Sachverhalten unseres Glaubens, auf die sich Paulus bezieht, wieder besser vertraut machen. Wie argumentiert er also?
Schon bevor er den zitierten Rat gibt, deutet Paulus eine Begründung an. Er schreibt, der folgende Rat sei gut „wegen der bevorstehenden Not“ (7,26). So übersetzt die Einheitsübersetzung. Dieter Zeller schreibt: „wegen der anstehenden Zwangslage“. Das entspricht dem griechischen Text genauer. Anschließend lässt Paulus eine Reihe von fünf konkreten Beispielen folgen. Sie sollen die Haltung verdeutlichen, die man angesichts dieser „anstehenden Zwangslage“ einnehmen soll. Es sind Beispiele für eine Grundhaltung im Umgang mit den Dingen dieser Welt. Die Grundhaltung ist ausgesprochen paradoxer Art, denn sie besagt allgemein gesprochen: Behandelt die Gegebenheiten dieser Welt so, als wären sie nicht gegeben. Die Reihe der fünf Beispiele lautet leicht paraphrasiert so: Wer verheiratet ist, soll so leben, als wäre er es nicht; wer weint, soll es so tun, als weine er nicht; wer sich freut, soll es so tun, als freue er sich nicht; wer einen Kauf macht, soll es so tun, als habe er nichts erworben; man soll die Welt gebrauchen, als machte man keinen Gebrauch davon (7,29-31). Das läuft auf eine merkwürdige Haltung des Als-ob hinaus, und zwar bei allem, was man in seinem Leben tut oder tun muss. Diese Haltung müsste jedoch, wenn wir Paulus folgen, die Grundhaltung jedes christlichen Lebens sein. Damit ist also eine grundsätzliche innere Distanz zu allen Dingen des Lebens und der Welt gefordert oder wenigstens empfohlen.
Aber warum sollen wir denn diese Haltung der inneren Distanz einnehmen oder besser: einüben? Was meint Paulus mit der „anstehenden Zwangslage“, die das angeblich notwendig macht? Paulus sagt es am Ende seiner Beispielreihe mit einem ganz kurzen Sätzchen: „Denn die Gestalt dieser Welt vergeht (TTapäYEl)“ (7,31). So steht es in allen Übersetzungen, soweit ich sie kenne. Aber das ist ungenau. Man kann ein griechisches Präsens nicht immer einfach mit einem deutschen Präsens wiedergeben. Das Präsens hat im Alt griechischen im Allgemeinen eine stark durative Bedeutung8. Es bezeichnet vor allem Vorgänge, die tatsächlich im Gang sind. Deswegen müssen wir an dieser Stelle übersetzen: „Denn die Gestalt dieser Welt ist im Vergehen begriffen.“ Das Vergehen der Gestalt dieser Welt erfolgt also nicht irgendwann in naher oder ferner Zukunft, dieses Vergehen hat schon begonnen und wir stecken mitten in einem Wandlungsprozess, der eine ganz neue Weltlage hervorbringt.
Eine frappierend ähnliche Aussage finden wir im 1. Johannesbrief. Dort fordert der Autor, der Apostel Johannes, seine Adressaten auf, diese Welt mit ihren fleischlichen Begierden, mit all ihrer Augenlust und ihrem Protzen mit Besitz und Reichtum nicht zu lieben. Und warum sollen wir sie nicht lieben? Weil die genannten drei Kennzeichen für sie — fleischliche Begierde, Augenlust, und Großtun mit dem Besitz — nicht von Gott dem Vater kommen, sondern von der Welt, wir können auch sagen: der gefallenen Welt. „Die Welt aber“, diese gefallene Welt, „ist im Vergehen begriffen samt ihrer Begierde; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit“ (1 Joh 2,15-17). An dieser Stelle finden wir dasselbe Verb mit demselben durativen Präsens für einen Vorgang, der bereits begonnen hat.
Man muss jetzt natürlich noch fragen: Womit hat dieses Vergehen der Gestalt dieser Welt denn begonnen? Die Antwort auf diese Frage ist für Christen wie Paulus oder Johannes allerdings leicht: Mit der Auferstehung Christi. Mit dieser Auferstehung ist eine neue Welt in Erscheinung getreten mitten in den Ablauf der alten hinein. Aber diese neue Welt ist die eigentliche, die im Gegensatz zur alten bleiben wird bis in Ewigkeit. Seither leben die Christen, die es ernst meinen mit dem Evangelium, in zwei Welten: der alten und der neuen. Aus diesem Nebeneinander entsteht die Paradoxie. Für Christen bestimmend müsste natürlich die neue Welt sein. Denn sie sagt uns, was wir nicht lieben sollen und was es heißt, den Willen Gottes zu tun. Wenn wir das einmal begriffen und wirklich realisiert haben, dann ergibt sich die paradoxe Haltung des Als-ob, die Paulus empfiehlt, eigentlich von selbst. Dann wird man sich bemühen, alles im Leben zu haben, zu tun und zu gebrauchen, als hätte, täte und gebrauchte man es nicht. Das führt zu einer gewissen inneren und äußeren Distanz zur alten Welt, ihren Träumen, gesellschaftlichen Zwängen und Begierden. Damit ist dieser Welt aber auch ihr furchtbarer Ernst genommen. Ihre Wichtigkeit hat sie dann nur noch so weit, als sie dazu hilft, uns in die neue Welt einzuleben. Wir sollten uns durchweg an das halten, was bleibt, in Ewigkeit bleibt, und das ist im Letzten nur die Liebe zu Gott und einem gottbestimmten Leben. Diesen Königsweg beschreibt Paulus fünf Kapitel später im selben Brief, dem berühmten Kapitel 1 Kor 13.
Diese Ausrichtung des gesamten Lebens ist natürlich alles andere als leicht. Die heilige Theresia von Avila will ihren Töchtern im Kloster einmal deutlich machen, wie gut sie es im Kloster eigentlich haben, indem sie schreibt: „Meint ihr, meine Töchter, es gehöre nur wenig dazu, mit der Welt zu verkehren, in der Welt zu leben, sich mit Geschäften der Welt zu befassen und sich, wie ich gesagt habe, den Gepflogenheiten der Welt anzubequemen, innerlich aber der Welt fremd und Feinde der Welt und wie einer zu sein, der in der Verbannung lebt, kurz gesagt, nicht Menschen, sondern Engel zu sein?“9 Nein, es gehört natürlich viel dazu. Aber das müsste eigentlich unser Bestreben sein.
Nun geht es Paulus in seinem 7. Kapitel aber eigentlich um den Rat für die Jungfrauen, möglichst Jungfrauen zu bleiben. Das ist ein Rat, der aller antiken gesellschaftlichen Tradition entgegenläuft. Es gab in der Antike in einem ganz schmalen Bereich eine gebotene Jungfräulichkeit, die eine hohe Ehrenstellung bedeutete. Der bekannteste Fall sind die Vestalinnen in Rom, die 30 Jahre in absoluter Jungfräulichkeit und nach strengsten Regeln leben mussten und dafür höchste Ehren genossen. Wenn etwa ein zum Tode Verurteilter auf dem Weg zur Hinrichtung zufällig einer Vestalin begegnete, musste er auf der Stelle begnadigt und freigelassen werden10
[1]. Ein anderes bekanntes Beispiel ist die Orakelpriesterin in Delphi, die Pythia. Aber das waren ganz außergewöhnliche Ausnahmen, und die Ehre einer Vestalin oder das Amt einer delphischen Pythia wurde von den Mädchen nicht angestrebt. Dazu i wurden sie von den Vätern bestimmt, wie es ja auch bei der Eheschließung war, jedenfalls in der Oberschicht. | Die Einrichtung einer Möglichkeit für Mädchen oder auch Männer zur Existenz ohne Ehe, die freiwillig gewählt werden konnte, ist eine Erfindung des Christentums.
Um diese Lebensweise zu empfehlen, begnügt sich Paulus nicht mit der eigentlich für alle Christen gebotenen Als-ob Haltung angesichts der neu in Erscheinung getretenen Weltsituation. Deshalb weist er noch auf einen einfachen pragmatischen Sachverhalt hin, der seine Empfehlung für Ehelosigkeit und Jungfräulichkeit einsichtiger machen und nahelegen kann: „Ich möchte aber, dass ihr ohne Sorge seid. Der Unverheiratete ist um die Dinge des Herrn besorgt, wie er dem Herrn gefallen kann. Der Verheiratete dagegen ist um die Dinge der Welt besorgt, wie er der Frau gefallen kann, und so ist er geteilt. Auch die unverheiratete Frau und die Jungfrau ist um die Dinge des Herrn besorgt, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete dagegen ist um die Dinge der Welt besorgt, wie sie dem Mann gefallen kann“ (7, 32—34). Mit diesem pragmatischen Hinweis gibt Paulus ein Kriterium an, mit dem man ermessen kann, ob ein Eheverzicht tatsächlich in der rechten Absicht geschieht.
Auch in dieser Passage ist es höchst auffällig, wie Paulus auf Gleichberechtigung besteht. Die Frau muss darauf bedacht sein, dem Mann zu gefallen: Das stimmt für die Antike ganz genau. Sobald die Frau dem Mann nicht mehr gefällt, kann er sie ohne weiteres aus dem Haus schicken auf Nimmerwiedersehen und sich eine andere suchen. Wenn aber Paulus behauptet, der Mann müsse ebenso darauf bedacht sein, seiner Frau zu gefallen, dann kann ein antiker Mann nur den Kopf schütteln: Wie kommt er denn darauf? Seine Liebe schenkt der antike Mann der Oberschicht gewöhnlich Hetären und Konkubinen oder auch einer seiner Sklavinnen; die Ehefrau benötigt er nur für das Zeugen legitimer Kinder und Bürger, für das Spinnen und Weben und die Ordnung im Haus. Die Erwartung gegenseitiger Liebe der Ehepartner ist wiederum eine Erfindung des Christentums.