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In dieser Rubrik stellen wir in loser Reihenfolge aktuelle Themen aus christlicher Sicht zur Verfügung, die wir für lesenswert halten.

DIE JÜDISCHEN WURZELN MARIENS TEIL 4 VON PATER MARTIN LINNER SJM

Maria 2
Kaum eine Aussage über Maria erscheint dem modernen Menschen fremder als die Behauptung, sie sei nicht nur bei der Empfängnis Jesu Jungfrau gewesen, sondern ihr ganzes Leben lang geblieben. Vielen gilt dies als spätere Übertreibung der Frömmigkeit oder gar als unbiblische Vorstellung.

Dabei gehört der Glaube an die immer­währende Jungfräulichkeit Mariens zu den ältesten Überzeugungen des Chris­tentums. Schon die Kirchenväter des 2. und 3. Jahrhunderts sprechen selbstver­ständlich davon. Das Zweite Konzil von Konstantinopel (553) nennt Maria spä­ter sogar offiziell „Aeiparthenos“ - die „Immerjungfrau“.

Doch wie kamen die frühen Christen zu einer solch außergewöhnlichen Über­zeugung? Widerspricht das nicht den Evangelien selbst, die von den „Brü­dern“ Jesu sprechen?

Der amerikanische Bibelwissenschaftler Brant Pitre zeigt: Liest man die Evangeli­en im jüdischen Kontext des ersten Jahr­hunderts, ergeben sich überraschende Hinweise darauf, dass Maria tatsächlich ein Leben dauernder Jungfräulichkeit gewählt hatte.

Wie soll das geschehen?“ — Marias rätselhafte Frage
Der Schlüssel liegt zunächst in der Ver­kündigungsszene des Lukasevangeliums. Der Engel Gabriel kündigt Maria an: „Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären.“ (1,31)

Maria antwortet: „Wie soll das gesche­hen, da ich keinen Mann erkenne?“ (1,34)

Auf den ersten Blick scheint diese Frage selbstverständlich. Doch betrachtet man die Situation genauer, wird sie überra­schend.

Denn Maria war bereits mit Josef ver­lobt. Nach jüdischem Recht bedeutete dies mehr als eine moderne Verlobung. Die Frau galt bereits als rechtmäßige Ehefrau, auch wenn die eigentliche Hochzeitsfeier und das Zusammenzie­hen noch ausstanden (vgl. Dtn 22,23- 24).

Warum also fragt Maria überhaupt nach dem „Wie“? Denn jede jüdische Frau hätte selbstverständlich angenommen, das verheißene Kind später im normalen ehelichen Zusammenleben zu empfan­gen.

Gerade deshalb hat Marias Antwort eine tiefere Bedeutung. Denn im griechi­schen Urtext sagt Maria nicht einfach: „Ich bin Jungfrau“, sondern wörtlich: „Ich erkenne keinen Mann.“

Im biblischen Sprachgebrauch ist „er­kennen“ ein üblicher Ausdruck für eheli­che Gemeinschaft. So heißt es in Genesis 4, 1: Adam erkannte Eva, seine Frau.“

Marias Aussage beschreibt daher nicht nur ihre gegenwärtige Situation, sondern eine grundsätzliche Lebenshaltung. Vie­le Kirchenväter sahen darin den Hinweis auf ein Gelübde der Jungfräulichkeit.

Augustinus (t 430) schreibt: „Sie hätte gewiss nicht so geantwortet, wenn sie nicht zuvor Gott ihre Jungfräulichkeit gelobt hätte.“ (De sancta virginitate 4,4)

Gab es im Judentum Gelübde der Enthaltsamkeit?
An dieser Stelle entsteht sofort ein Ein­wand: Konnte eine jüdische Frau über­haupt innerhalb einer Ehe ein Leben der sexuellen Enthaltsamkeit wählen? Erstaunlicherweise lautet die Antwort: ja.

Im Buch Numeri findet sich ein heute oft übersehener Abschnitt über Gelüb­de verheirateter Frauen (Num 30,7-16). Dort ist ausdrücklich von Frauen die Rede, die sich zu „Enthaltsamkeit“ ver­pflichten. Entscheidend dabei: Wenn der Ehemann von einem solchen Gelüb­de erfährt und nicht widerspricht, bleibt es gültig.

Auch spätere jüdische Quellen kennen Formen freiwilliger Enthaltsamkeit. Der jüdische Historiker Josephus (f um 100 n. Chr.) berichtet beispielsweise von den Essenern, die zeitweise auf eheliche Be­ziehungen verzichteten (Bellum Judaicum 11,160-161). Philo von Alexandrien (t 40 n. Chr.) erwähnt jüdische Frauen, die freiwillig jungfräulich lebten (De vita contemplativa 68).
Damit erscheint Marias Verhalten plötz­lich keineswegs unjüdisch oder unmög­lich. Vielmehr fügt es sich in einen da­mals bekannten religiösen Horizont ein.

Josef - der gerechte Bewahrer des Geheimnisses
Ein weiterer Hinweis findet sich im Mat­thäusevangelium: „[Josef] erkannte [Ma­ria] aber nicht, bis sie ihren Sohn gebar.“ (Mt 1,25)

Oft wird dieses „bis“ so verstanden, als hätten Josef und Maria danach eine ge­wöhnliche Ehe geführt. Doch sprach­lich ist dies keineswegs zwingend. Denn das biblische „bis“ beschreibt häufig nur einen Zeitraum, ohne eine spätere Verän­derung auszudrücken.

So heißt es etwa: „Michal, die Tochter Sauls, hatte bis zu ihrem Tod kein Kind.“ (2 Sam 6,23) Offensichtlich bekam sie nach ihrem Tod keine Kinder mehr.

Ebenso sagt Jesus: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,20) Natürlich bedeutet dies nicht, dass Christus danach nicht mehr bei sei­ner Kirche wäre.

Der Satz des Matthäus will daher vor allem eines betonen: Jesus ist nicht der leibliche Sohn Josefs. Doch zugleich of­fenbart der Evangelist etwas Bemerkens­wertes: Josef und Maria vollziehen ihre Ehe offenbar auch nach der Heimführung Mariens nicht.

Warum also diese Enthaltsamkeit? Pitre sieht darin ein starkes Indiz dafür, dass Josef das Gelübde Mariens angenom­men hatte. Hier erscheint Josef nicht als widerwillig Verzichtender, sondern als „gerechter Mann“ (Mt 1,19), der das Geheimnis Gottes ehrfürchtig bewahrt.

Die „Brüder Jesu“ - Kinder einer anderen Maria?
Das häufigste Argument gegen die im­merwährende Jungfräulichkeit Mariens lautet bis heute: Hatte Jesus nicht Brüder und Schwestern? In Markus 6,3 heißt es: „Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Ja­kobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns?“

Doch dieselben Evangelien liefern eine überraschende Präzisierung. Unter dem Kreuz steht: „Maria, die Mutter des Ja­kobus des Kleinen und des Joses.“ (Mk 15,40) Damit werden Jakobus und Joses ausdrücklich einer anderen Maria zuge­ordnet. Matthäus nennt sie sogar: „die andere Maria“ (Mt 27,61). Johannes ergänzt schließlich: „Maria, die Frau des Klopas.“ (Joh 19,25)
Die sogenannten „Brüder Jesu“ erschei­nen somit nicht als Kinder der Gottes­mutter, sondern als Verwandte Jesu aus einer anderen Familie.

Dazu kommt: Im semitischen Sprachge­brauch konnte das Wort „Bruder“ auch nahe Verwandte oder Cousins bezeich­nen. Schon die Septuaginta verwendet adelphos in diesem weiteren Sinn.

Besonders bemerkenswert ist zudem Jesu Verhalten am Kreuz. Er vertraut seine Mutter dem Apostel Johannes an: „Siehe, dein Sohn.“ (Joh 19,26)
Hätte Maria weitere leibliche Söhne ge­habt, wäre dieses Verhalten kaum ver­ständlich gewesen. Nach jüdischem Verständnis waren nämlich die eigenen Kinder zur Versorgung der Mutter ver­pflichtet.

Schon Athanasius (t 373) argumentierte deshalb: „Hätte Maria andere Kinder ge­habt, hätte der Heiland sie nicht einem anderen anvertraut.“ (De virginitate 42, 243-244)
 
Die immerwährende Jungfrau als Zeichen der neuen Schöpfung
Warum aber war den frühen Christen diese Lehre so wichtig?

Die Antwort liegt letztlich in Christus selbst. Jesus lebte ehelos und sprach von Menschen, die „um des Himmelrei­ches willen“ auf die Ehe verzichten (Mt 19,12). Das jungfräuliche Leben weist nach seiner eigenen Lehre auf die kom­mende Welt hin: „Die aber, die der Auf­erstehung teilhaftig werden ... heiraten nicht mehr.“ (vgl. Lk 20,35)

Die Jungfräulichkeit ist somit kein Aus­druck einer Geringschätzung der Ehe. Sie ist vielmehr ein prophetisches Zeichen der neuen Schöpfung.
Wenn Maria aber die neue Eva ist, die neue Bundeslade und die Mutter des messianischen Königs, dann erscheint ihre immerwährende Jungfräulichkeit plötzlich nicht mehr als isolierte Sonder­lehre, sondern als Teil des neuen Bundes. Die Kirchenväter sahen in ihr deshalb zugleich ein Bild der Kirche selbst: jung­fräulich und doch fruchtbar. So schreibt Ambrosius von Mailand (f 397): Die Jungfrau ist Bild der Kirche: jungfräulich und doch Mutter, (vgl. De virginibus I, 31)

Maria weist damit über sich selbst hin­aus. Ihre Jungfräulichkeit wird zum Zei­chen dafür, dass mit Christus bereits die kommende Welt begonnen hat. In ihr leuchtet schon jetzt jene neue Schöpfung auf, in der Gott „alles neu“ macht (Offb 21,5).

Literatur. Brant Pitre, Jesus and the Jewish roots ofMary. Unveiling the Mother ofthe Messiah, New York: Crown Publishing Group, 2018