VON PATER MARTIN LINNER SJM
In unserer heutigen Vorstellung herrscht häufig ein Missverständnis über die Art und Weise der Ausübung des Königtums im alten Israel. Man könnte denken, dass - wie in europäischen Monarchien - die Ehefrau des Königs als Königin galt. Doch im Israel des Alten Testaments war dies nicht der Fall. Die Königin war nicht die Frau, sondern die Mutter des Königs - auf Hebräisch: gebīrāh („Herrin“ oder „Königinmutter“).
Diese Rolle war im biblischen Königtum von großer Bedeutung. Sie bildete eine feste soziale und politische Größe im davidischen Hofstaat. Im Licht dieser alttestamentlichen Struktur erschließt sich in typologischer Weise auch eine tiefere Bedeutung der Gestalt Marias.
Der amerikanische Theologe Brant Pitre ist überzeugt, dass die Idee von Maria als Himmelskönigin nur dann fremd wirkt, wenn man nicht weiß, wie das Königtum in Israel wirklich funktionierte.
Die Königinmutter in der Bibel: Einfluss und Autorität
Die gebīrāh war nicht bloß Trägerin eines Ehrentitels. Sie konnte - je nach Person und historischer Situation - erheblichen Einfluss auf das politische und religiöse Leben des Königshofes ausüben und wurde in feierlicher Form angesprochen. Exemplarisch lässt sich hierfür auf 1 Kön 2,19 verweisen, wo Bathseba - die Mutter König Salomos - einen bemerkenswerten Empfang erhält:
„Als nun Bathseba zu König Salomo kam, um mit ihm wegen Adonija zu sprechen, erhob sich der König, ging ihr entgegen und verneigte sich vor ihr. Dann setzte er sich auf seinen Thron und ließ auch für die Königinmutter einen Thron hinstellen. Sie setzte sich an seine rechte Seite“ (1 Kön 2,19)
Hier geschieht etwas Außergewöhnliches: Der König selbst erhebt sich, verneigt sich und ehrt seine Mutter, indem er sie an seiner Rechten sitzen lässt - der Position höchster Nähe und Würde.
Für Pitre ist klar: Wenn der Sohn in Israel König wurde, dann wurde seine Mutter zur Königin. In vielen Fällen nahm sie eine besondere Stellung als Beraterin und Fürsprecherin ein.
Maria im Licht des davidischen Königtums
Wenn nun Jesus der Messias ist - also der neue David, der verheißene König Israels -, dann ergibt sich im Rahmen der biblischen Typologie eine weitere Konsequenz: Maria ist die Mutter dieses Königs. In der Denkweise des antiken Judentums entspricht dies der Rolle der Königinmutter.
Das Neue Testament bezeugt eindeutig an vielen Stellen, dass Jesus der Sohn Davids (vgl. Mt 1,1; Röm 1,3) und damit der Messias (hebräisch), d.h. der Christus (griechisch) ist (vgl. Mt 16,16; Apg 2,36.) Und Maria ist seine Mutter (vgl. Mt 1,18; Joh 19,25). Die prophetische Jesajastelle 7,14: „Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären, und sie wird ihm den Namen Immanuel (Gott mit uns) geben1' deutet der Evangelist Matthäus klar messianisch (l,22f).
Im Lukasevangelium wird dieser Sohn eindeutig als davidischer König identifiziert: „Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben. Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen.“ (1,32-33)
Wenn Jesus der ewige König ist, dann ist Maria als seine Mutter in typologischer und heilsgeschichtlicher Weise die Königinmutter im neuen davidischen Königreich.
Die königliche Würde Marias ergibt sich damit nicht aus einer Überhöhung ihrer Person, sondern aus ihrer einzigartigen Beziehung zu Christus, dem König.
Offenbarung 12: Die gekrönte Frau mit königlichem Auftrag
Ein weiteres wichtiges Zeugnis für diese königliche Dimension findet sich in Offenbarung 12. Johannes sieht dort „eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt.“ (Offb 12,1)
Diese Frau besitzt nach klassischer katholischer Auslegung mehrere Bedeutungsebenen:
• Sie steht für Israel, aus dem der Messias hervorgeht (vgl. Gen 37,9),
• sie kann auf Maria bezogen werden, die den Messias gebiert (vgl. Offb 12,5),
• und sie verweist zugleich auf die Kirche als Mutter der Glaubenden (vgl. Offb 12,17).
Pitre betont zu Recht, dass diese Deutungen sich nicht ausschließen, sondern gegenseitig durchdringen. Für das Thema der Königinmutter ist besonders die Krone, der Sternenkranz auf ihrem Haupt, von Bedeutung - ein eindeutiges Zeichen königlicher Würde.
Diese Frau ist die Mutter des Messias und trägt königliche Zeichen. Ihre Würde ist abgeleitet von dem König, den sie geboren hat.
Die Offenbarung zeigt Maria somit nicht als eigenständig herrschende Gestalt, sondern als in königlicher Würde mit dem messianischen König verbundene Mutter.
„Mutter meines Herrn“ — Elisabeths Anrede
Ein weiteres Indiz findet sich in der Begrüßung Elisabeths: „Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ (Lk 1,43)
Der Ausdruck „mein Herr“ (kyrios) besitzt im biblischen Sprachgebrauch ein weites Bedeutungsspektrum. Er kann Jahwe selbst bezeichnen, wird aber auch für den davidischen König verwendet — besonders in der Septuaginta. Elisabeths Worte stehen damit im theologischen Resonanzraum sowohl göttlicher als auch königlicher Titel.
Wenn Elisabeth Maria als ,Mutter meines Herrn' anspricht, ist das eine Formulierung, die ihre einzigartige Stellung im messianischen Heilsplan erkennen lässt. Die Anrede ist somit keineswegs zufällig, sondern ein tiefer theologischer Ausdruck für das, was Gott in Maria wirkt.
Die „Himmelskönigin“ — eine notwendige Unterscheidung
Der Einwand, Maria werde als „Himmelskönigin“ verehrt, obwohl die Bibel eine solche Gestalt verurteilt wird häufig erhoben: „Siehst du nicht, was sie in den Städten Judas und auf den Straßen Jerusalems treiben? Die Kinder sammeln Holz, die Väter zünden das Feuer an, und die Frauen kneten den Teig, um Opferkuchen für die Himmelskönigin zu backen. Anderen Göttern spendet man Trankopfer, um mir weh zu tun.“
(Jer 7,17f)
Pitre begegnet ihm mit einer klaren Unterscheidung: Die Himmelskönigin, die Jeremia ablehnt, ist eine heidnische Göttin. Maria hingegen ist kein Gott, sondern ein Mensch. Ihre königliche Würde ist vollständig von ihrem Sohn her verstanden.
Maria empfängt — so die katholische Lehre - keine Anbetung (latria), sondern Verehrung (dulia), und das in besonderer Weise (hyperdulia), weil sie die Mutter des Herrn ist. Diese Unterscheidung ist von Anfang an Bestandteil der christlichen Theologie, wie der Titel Theotokos - Gottesgebärerin zeigt.
Maria - Mutter im Reich des Königs
Das Motiv der Königinmutter öffnet einen biblischen Horizont, der hilft, die königliche Würde Marias richtig einzuordnen. Sie ist Königin nicht aus eigener Macht, sondern kraft ihrer Beziehung zu Christus. Sie steht nicht in Konkurrenz zu ihm, sondern in mütterlicher Nähe zu dem, der allein Herr ist.
Ihre Würde ist teilnehmend und verliehen.
Ihre Erhöhung geschieht durch Christus und ist deshalb so wunderbar.
Und gerade darin erweist sich ihre Gestalt als zutiefst biblisch.
Literatur: Brant Pitre, Jesus and the Jewish roots ofMary. Unveiling the Mother ofthe Messiah, New York: Crown Publishing Group 2018