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In dieser Rubrik stellen wir in loser Reihenfolge aktuelle Themen aus christlicher Sicht zur Verfügung, die wir für lesenswert halten.

JUNGFRÄULICHKEIT UND EHELOSIGKEIT BEI PAULUS

VON PROF. MARIUS REISER

Paulus

VON PROF. MARIUS REISER

Der erste Zölibatär des Alten Orients und der biblischen Tradition war der Prophet Jeremia. Ein Wort des Herrn gebietet ihm, ehelos zu bleiben (Jer I6, lf). Angesichts seines Propheten­schicksals wäre eine Ehe auch schwer­lich zu führen gewesen. Der nächste bewusst als Zölibatär Lebende war Johannes der Täufer. Auch an seiner Seite ist eine Ehefrau schwer denkbar. Ganz undenkbar ist es bei Jesus, un­serem nächsten Fall. Auch mit einem Mann wie Paulus hätte es eine Frau wohl allzu schwer gehabt. Von ehe­los Lebenden sind in der biblischen Tradition ansonsten nur noch noto­risch die vier jungfräulichen Töch­ter des Diakons Philippus erwähnt, die in der christlichen Gemeinde als Prophetinnen wirkten (Apg 21,9). Die Einheitsübersetzung schreibt un­genau: „prophetisch begabte Jung­frauen“. Sie gelangten später nach Hierapolis in Kleinasien, wo sie auch starben. Sie werden nach Euseb zu den „großen Gestirnen“ der asiatischen Kirche gezählt1. Mit diesem Beispiel haben wir bereits in der frühesten christlichen Tradition eine weibliche Lebensform, die es in der vorchrist­lichen antiken Gesellschaft gar nicht gab. Alleinstehende Frauen, vor al­lem junge Witwen, hatten angesichts ihrer rechtlichen Unselbständigkeit kaum Verdienstmöglichkeiten. Über dreißigjährige Witwen konnten kaum mehr hoffen, einen Ehemann zu fin­den. So blieben ihnen großenteils nur zwei Möglichkeiten, wenn sie nicht in den Haushalt eines Sohnes oder einer Tochter übernommen werden konn­ten: Bettelei oder Prostitution2. Da war die neue Lebensform immerhin eine gute Alternative. Im Folgenden möchte ich auf den wichtigsten Text des Neuen Testaments mit Anweisungen zu unserer Thematik näher eingehen: das 7. Kapitel des 1. Korintherbriefs. Paulus antwortet of­fenbar auf entsprechende Anfragen der korinthischen Gemeinde, die uns leider fehlen. Ich will jedoch nicht das ganze Kapitel behandeln, zumal die Ausführungen des Paulus in Einzel­heiten nicht ganz klar sind, jedenfalls für uns heute. Aber das Klare darin ist auch heute noch aufregend. Ich werde also vor allem auf die Verse 1—7 und 25^10 eingehen. Die Themen der Ehescheidung und des sozialen Stan­des können wir hier übergehen. Ich orientiere mich an dem ausgezeichne­ten Kommentar von Dieter Zeller3.

1. Geschlechtliches Leben in der Ehe (1 Kor 7,1-7)
„Was aber nun das angeht, was ihr geschrieben habt: Es ist gut für den Mann, eine Frau nicht anzurühren“ (7,1). Das ist offenbar eine These der Korinther, die Paulus grundsätzlich teilt, aber gleich ein wenig korrigiert. , Wohl, wohl‘, so können wir ihn brummen lassen, bevor es im Text wei­tergeht mit: ,, ... doch wegen Unzucht aller Art soll jeder seine Frau haben, und jede Frau ihren eigenen Mann.“ Darauf folgen zwei Grundsätze, die jeden antiken Mann umgehauen und jede antike Frau in höchste Verwun­derung versetzt haben müssen. Das fällt den modernen Kommentatoren allerdings gar nicht auf, weil sie die antiken Konventionen und Sitten kaum kennen4. „Der Mann soll sei­ne Pflicht [gemeint ist die eheliche Pflicht] gegenüber der Frau erfüllen, ebenso aber auch die Frau gegenüber dem Mann“ (7,3). Wie kann das sein? Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau in sexueller Hinsicht, wo es doch in der gesamten vorchristlichen Zeit unbestritten war, dass sich die Frau in allen Angelegenheiten dem Mann fügen muss? Paulus fährt fort: „Die Frau verfügt nicht über den eige­nen Leib“ -. Genau, genau, so ist es!‘, würde jeder antike Mann dazu ausrufen. Aber Paulus fügt ungerührt hinzu: „Ebenso verfügt aber auch der Mann nicht über den eigenen Leib, sondern die Frau“ (7,4). Das musste jedem an­tiken Mann, aber auch jeder antiken Frau ungeheuerlich Vorkommen. In der gesamten antiken Literatur sucht man vergeblich eine derartige Aussage über die Gleichberechtigung von Frau und Mann im Hinblick auf den Ge­schlechtsverkehr. Paulus verlangt, was das angeht, eine gütliche Einigung. Er rät dann noch, dass die Eheleute sich in dieser Hinsicht einander nicht entzie­hen sollen, es sei denn, um Zeit für das Gebet zu gewinnen. Hier ist offenbar an ein gemeinsames nächtliches Ge­bet gedacht. Er warnt aber, selbst was diesen Wunsch betrifft, vor dem Über­treiben. Auch von der hohen Tugend der Selbstbeherrschung soll man nicht zu viel verlangen, da der Satan immer wachsam ist, wie Paulus als Realist an­merkt.
Wir sehen schon an dieser Stelle, dass es für Paulus höhere Werte gibt als ein sexuell befriedigendes Eheleben. Diese höheren Werte sind alle Verhaltenswei­sen, die man Gott zuliebe übt, um nach seinem Willen zu leben. Dazu gehört, wie wir gesehen haben, zunächst einmal die Übung des Gebets. Abschließend zu diesen Ausführungen bemerkt Pau­lus dann noch: „Ich wünschte freilich, dass alle Menschen so wären wie ich [das heißt ehelos]; doch jeder hat ein eigenes Charisma von Gott, der eine so, der andere so“ (7,7). Mir scheint, diese Ratschläge sind sehr gemäßigt und ver­nünftig, freilich nur aus heutiger Sicht. Die verlangte Gleichberechtigung in diesen Dingen ist historisch betrachtet eine gesellschaftliche Revolution. Eine Gleichberechtigung der Geschlech­ter gibt es meines Wissens nur in der christlich geprägten abendländischen Tradition. Sie beginnt mit Jesus und Paulus.

2. Die Gestalt dieser Welt und die Vorzüge der Jungfräulichkeit (1 Kor 7,25-40)
Bezüglich der Ehescheidung für beide Seiten gleichermaßen beruft sich Pau­lus auf ein Wort Jesu, das natürlich verbindlich ist (7,10f). Bezüglich der Jungfrauen dagegen, so sagt er selbst, habe er keine Anweisung des Herrn, da kann er also nur mit der Autorität des von Christus Berufenen reden. Da Paulus von „den“ Jungfrauen redet, mit bestimmtem Artikel, können wir an­nehmen, dass es in der korinthischen Gemeinde bereits eine bestimmte Gruppe von Jungfrauen gab, die um Weisungen des Apostels gebeten hat. Heute gehen vor allem protestantische Kommentatoren davon aus, dass es sich bei diesen Jungfrauen um Verlob­te handelt. Aber das Wort uap0£VOCj heißt nun einmal „Mädchen, Jung­frau“ und nicht Verlobte5. Das griechi­sche Wort meint junge, heiratsfähige Mädchen, von denen Unberührtheit selbstverständlich erwartet wird6. In der Septuaginta von Gen 24 wird Re­bekka, um die Abraham für seinen Sohn Isaak werben lässt, fünf Mal mit diesem Wort bezeichnet. Auf die Jung­fräulichkeit der Mädchen vor der Hei­rat wird in der gesamten Antike, auch im Alten Orient, mit peinlicher Sorg­falt geachtet7. Die Einheitsüberset­zung redet hier von „Unverheirateten“, übersetzt das Wort dann aber zweimal (V 28 und 34) mit „Jungfrau“ und in V. 36 und 38 mit „Verlobte“. Das ist falsch, verwirrend und irreführend. Bleiben wir doch bei den schlichten philologischen Tatsachen. Paulus re­det in unserem Abschnitt sowohl von Jungfrauen als auch von Unverheira­teten, und zwar Männern wie Frauen. Was also rät er ihnen?
Paulus beginnt mit der Frage: Heira­ten oder unverheiratet bleiben? „Du bist an eine Frau gebunden? Dann su­che keine Lösung von ihr [also keine Trennung oder Scheidung], Du bist von einer Frau gelöst [hast also eine Ehefrau verloren]? Dann suche keine Frau mehr. Wenn du dann aber doch heiratest, sündigst du nicht. Und wenn die Jungfrau heiratet, sündigt sie nicht“ (7,27f). Paulus rät also, in dem Stand zu bleiben, in dem man derzeit ist. Wer sich dazu jedoch nicht durchringen kann, möge ohne Sünde heiraten. Das ist nun ein höchst merkwürdiger Rat. Danach ist es für Jungfrauen und ver­witwete Männer in jedem Fall besser unverheiratet zu bleiben. Paulus bietet auch eine Begründung für seinen Rat, aber seine Begründung kommt uns heute befremdlich vor, denn sie ent­spricht in keiner Weise mehr unserem Lebensgefühl. Aber vielleicht sollten wir uns mit den Gedanken oder besser Sachverhalten unseres Glaubens, auf die sich Paulus bezieht, wieder besser vertraut machen. Wie argumentiert er also?
Schon bevor er den zitierten Rat gibt, deutet Paulus eine Begründung an. Er schreibt, der folgende Rat sei gut „we­gen der bevorstehenden Not“ (7,26). So übersetzt die Einheitsübersetzung. Dieter Zeller schreibt: „wegen der anstehenden Zwangslage“. Das ent­spricht dem griechischen Text genauer. Anschließend lässt Paulus eine Reihe von fünf konkreten Beispielen folgen. Sie sollen die Haltung verdeutlichen, die man angesichts dieser „anstehen­den Zwangslage“ einnehmen soll. Es sind Beispiele für eine Grundhaltung im Umgang mit den Dingen dieser Welt. Die Grundhaltung ist ausgespro­chen paradoxer Art, denn sie besagt all­gemein gesprochen: Behandelt die Ge­gebenheiten dieser Welt so, als wären sie nicht gegeben. Die Reihe der fünf Beispiele lautet leicht paraphrasiert so: Wer verheiratet ist, soll so leben, als wäre er es nicht; wer weint, soll es so tun, als weine er nicht; wer sich freut, soll es so tun, als freue er sich nicht; wer einen Kauf macht, soll es so tun, als habe er nichts erworben; man soll die Welt gebrauchen, als machte man keinen Gebrauch davon (7,29-31). Das läuft auf eine merkwürdige Hal­tung des Als-ob hinaus, und zwar bei allem, was man in seinem Leben tut oder tun muss. Diese Haltung müss­te jedoch, wenn wir Paulus folgen, die Grundhaltung jedes christlichen Le­bens sein. Damit ist also eine grund­sätzliche innere Distanz zu allen Din­gen des Lebens und der Welt gefordert oder wenigstens empfohlen.
Aber warum sollen wir denn diese Hal­tung der inneren Distanz einnehmen oder besser: einüben? Was meint Pau­lus mit der „anstehenden Zwangslage“, die das angeblich notwendig macht? Paulus sagt es am Ende seiner Beispiel­reihe mit einem ganz kurzen Sätzchen: „Denn die Gestalt dieser Welt vergeht (TTapäYEl)“ (7,31). So steht es in allen Übersetzungen, soweit ich sie ken­ne. Aber das ist ungenau. Man kann ein griechisches Präsens nicht immer einfach mit einem deutschen Präsens wiedergeben. Das Präsens hat im Alt griechischen im Allgemeinen eine stark durative Bedeutung8. Es bezeichnet vor allem Vorgänge, die tatsächlich im Gang sind. Deswegen müssen wir an dieser Stelle übersetzen: „Denn die Gestalt dieser Welt ist im Vergehen begriffen.“ Das Vergehen der Gestalt dieser Welt erfolgt also nicht irgendwann in naher oder ferner Zukunft, dieses Vergehen hat schon begonnen und wir stecken mitten in einem Wandlungsprozess, der eine ganz neue Weltlage hervorbringt.
Eine frappierend ähnliche Aussage fin­den wir im 1. Johannesbrief. Dort for­dert der Autor, der Apostel Johannes, seine Adressaten auf, diese Welt mit ih­ren fleischlichen Begierden, mit all ihrer Augenlust und ihrem Protzen mit Be­sitz und Reichtum nicht zu lieben. Und warum sollen wir sie nicht lieben? Weil die genannten drei Kennzeichen für sie — fleischliche Begierde, Augenlust, und Großtun mit dem Besitz — nicht von Gott dem Vater kommen, sondern von der Welt, wir können auch sagen: der gefallenen Welt. „Die Welt aber“, diese gefallene Welt, „ist im Vergehen begrif­fen samt ihrer Begierde; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit“ (1 Joh 2,15-17). An dieser Stelle finden wir dasselbe Verb mit demselben du­rativen Präsens für einen Vorgang, der bereits begonnen hat.
Man muss jetzt natürlich noch fragen: Womit hat dieses Vergehen der Gestalt dieser Welt denn begonnen? Die Ant­wort auf diese Frage ist für Christen wie Paulus oder Johannes allerdings leicht: Mit der Auferstehung Christi. Mit die­ser Auferstehung ist eine neue Welt in Erscheinung getreten mitten in den Ab­lauf der alten hinein. Aber diese neue Welt ist die eigentliche, die im Gegen­satz zur alten bleiben wird bis in Ewig­keit. Seither leben die Christen, die es ernst meinen mit dem Evangelium, in zwei Welten: der alten und der neuen. Aus diesem Nebeneinander entsteht die Paradoxie. Für Christen bestimmend müsste natürlich die neue Welt sein. Denn sie sagt uns, was wir nicht lieben sollen und was es heißt, den Willen Got­tes zu tun. Wenn wir das einmal begrif­fen und wirklich realisiert haben, dann ergibt sich die paradoxe Haltung des Als-ob, die Paulus empfiehlt, eigentlich von selbst. Dann wird man sich bemü­hen, alles im Leben zu haben, zu tun und zu gebrauchen, als hätte, täte und gebrauchte man es nicht. Das führt zu einer gewissen inneren und äußeren Distanz zur alten Welt, ihren Träu­men, gesellschaftlichen Zwängen und Begierden. Damit ist dieser Welt aber auch ihr furchtbarer Ernst genommen. Ihre Wichtigkeit hat sie dann nur noch so weit, als sie dazu hilft, uns in die neue Welt einzuleben. Wir sollten uns durchweg an das halten, was bleibt, in Ewigkeit bleibt, und das ist im Letzten nur die Liebe zu Gott und einem gott­bestimmten Leben. Diesen Königsweg beschreibt Paulus fünf Kapitel später im selben Brief, dem berühmten Kapi­tel 1 Kor 13.
Diese Ausrichtung des gesamten Le­bens ist natürlich alles andere als leicht. Die heilige Theresia von Avila will ih­ren Töchtern im Kloster einmal deut­lich machen, wie gut sie es im Kloster eigentlich haben, indem sie schreibt: „Meint ihr, meine Töchter, es gehöre nur wenig dazu, mit der Welt zu ver­kehren, in der Welt zu leben, sich mit Geschäften der Welt zu befassen und sich, wie ich gesagt habe, den Gepflo­genheiten der Welt anzubequemen, innerlich aber der Welt fremd und Feinde der Welt und wie einer zu sein, der in der Verbannung lebt, kurz ge­sagt, nicht Menschen, sondern Engel zu sein?“9 Nein, es gehört natürlich viel dazu. Aber das müsste eigentlich unser Bestreben sein.
Nun geht es Paulus in seinem 7. Kapi­tel aber eigentlich um den Rat für die Jungfrauen, möglichst Jungfrauen zu bleiben. Das ist ein Rat, der aller anti­ken gesellschaftlichen Tradition entge­genläuft. Es gab in der Antike in einem ganz schmalen Bereich eine gebotene Jungfräulichkeit, die eine hohe Ehren­stellung bedeutete. Der bekannteste Fall sind die Vestalinnen in Rom, die 30 Jahre in absoluter Jungfräulichkeit und nach strengsten Regeln leben mussten und dafür höchste Ehren genossen. Wenn etwa ein zum Tode Verurteilter auf dem Weg zur Hinrichtung zufällig einer Vestalin begegnete, musste er auf der Stelle begnadigt und freigelassen werden10[1]. Ein anderes bekanntes Bei­spiel ist die Orakelpriesterin in Del­phi, die Pythia. Aber das waren ganz außergewöhnliche Ausnahmen, und die Ehre einer Vestalin oder das Amt einer delphischen Pythia wurde von den Mädchen nicht angestrebt. Dazu i wurden sie von den Vätern bestimmt, wie es ja auch bei der Eheschließung war, jedenfalls in der Oberschicht. | Die Einrichtung einer Möglichkeit für Mädchen oder auch Männer zur Exis­tenz ohne Ehe, die freiwillig gewählt werden konnte, ist eine Erfindung des Christentums.
Um diese Lebensweise zu empfehlen, begnügt sich Paulus nicht mit der ei­gentlich für alle Christen gebotenen Als-ob Haltung angesichts der neu in Erscheinung getretenen Weltsituation. Deshalb weist er noch auf einen ein­fachen pragmatischen Sachverhalt hin, der seine Empfehlung für Ehelosigkeit und Jungfräulichkeit einsichtiger ma­chen und nahelegen kann: „Ich möch­te aber, dass ihr ohne Sorge seid. Der Unverheiratete ist um die Dinge des Herrn besorgt, wie er dem Herrn ge­fallen kann. Der Verheiratete dagegen ist um die Dinge der Welt besorgt, wie er der Frau gefallen kann, und so ist er geteilt. Auch die unverheiratete Frau und die Jungfrau ist um die Dinge des Herrn besorgt, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete dage­gen ist um die Dinge der Welt besorgt, wie sie dem Mann gefallen kann“ (7, 32—34). Mit diesem pragmatischen Hinweis gibt Paulus ein Kriterium an, mit dem man ermessen kann, ob ein Eheverzicht tatsächlich in der rechten Absicht geschieht.
Auch in dieser Passage ist es höchst auf­fällig, wie Paulus auf Gleichberechtigung besteht. Die Frau muss darauf bedacht sein, dem Mann zu gefallen: Das stimmt für die Antike ganz genau. Sobald die Frau dem Mann nicht mehr gefällt, kann er sie ohne weiteres aus dem Haus schicken auf Nimmerwiedersehen und sich eine andere  suchen. Wenn aber Pau­lus behauptet, der Mann müsse ebenso darauf bedacht sein, seiner Frau zu ge­fallen, dann kann ein antiker Mann nur den Kopf schütteln: Wie kommt er denn darauf? Seine Liebe schenkt der antike Mann der Oberschicht gewöhnlich He­tären und Konkubinen oder auch einer seiner Sklavinnen; die Ehefrau benötigt er nur für das Zeugen legitimer Kinder und Bürger, für das Spinnen und Weben und die Ordnung im Haus. Die Erwar­tung gegenseitiger Liebe der Ehepartner ist wiederum eine Erfindung des Chris­tentums.
Aber das ist nicht die Hauptsache in der zitierten Passage. Die Hauptsache ist das von Paulus genannte Kriterium. Das hat schon der größte Freund des Paulus unter den Kirchenvätern, der hl. Chrysostomos, hervorgehoben in sei­ner 19. Homiliezum 1. Korintherbrief: „Nicht die Ehe, nicht die Enthaltsam­keit gibt Paulus als unterscheidendes Merkmal an, sondern das Besorgtsein und das Nichtbesorgtsein. Denn das eheliche Leben ist nichts Böses; nur ist es ein Hindernis der höheren Voll­kommenheit.“[1] Das Kriterium für die vorzüglichere und „seligere“ Lebens­ weise, wie Paulus im Schlusssatz des Kapitels sagt (7,40), ist also jeweils das, worum man besorgt ist: die Din­ge der Welt oder die Dinge des Herrn. Bei dieser Alternative ist es ganz klar, was die vollkommenere Lebensweise ist, und wir können dem hl. Chrysostomos keinen Vorwurf machen, wenn er schließt, dass das eheliche Leben ein Hindernis der höheren Vollkommen­heit ist. Das ist schon die Meinung des hl. Paulus, und die katholische Kirche ist dieser Beurteilung immer gefolgt mit der Einrichtung von Klöstern und dem Gebot des Zölibats, auch wenn das heute kaum noch ein Vertreter der Kirche öffentlich zu vertreten wagt.12 Ich jedenfalls bin der Meinung, dass diese Höherwertung von den christ­lichen Prinzipien her richtig ist. Die Gründe, die Paulus anführt, die para­doxe Lage der Welt seit der Auferste­hung Christi und dass die Sorge um die Dinge Gottes unsere höchste Sorge sein muss, sind vollkommen überzeu­gend. Der Verheiratete muss sich mehr mit den Angelegenheiten der Welt he­rumschlagen, als ihm vielleicht lieb ist. Aber damit wir Jungfrauen, Mönche und zölibatäre Priester bekommen, brauchen wir eben doch auch fromme Verheiratete. Deshalb schließt Paulus seine Ausführungen mit der beruhi­genden Bemerkung: „Das sage ich aber zu eurem eigenen Nutzen, nicht um euch eine Fessel anzulegen, sondern damit ihr den Anstand wahrt und im rechten Dienst beim Herrn bleibt ohne Ablenkung“ (7,35). Paulus geht dann bis zum Schluss des Kapitels noch auf Sonderfälle ein, die er aber ganz im Sinn des Ausgeführten entscheidet.
[1]    Eus., h.e. III 31,3; V 24,2. Hier ist ihr Va­ter Philippus allerdings zum Apostel Philippus geworden.
2   Näheres bei M. Reiser, Jesus und die Frauen vor dem Hintergrund der antiken Konvention: TThZ 128 (2019) 49-67, hier 59f.
3    Der erste Brief an die Korinther, übersetzt und erklärt von Dieter Zeller (KEK 5), Göttingen 2010, 234-278.
4 Ich verweise noch einmal auf den oben ge­nannten Aufsatz (Anm. 2). Eine entsprechende Bemerkung macht immerhin Dieter Zeller, 1Kor (Anm. 3) 239. Augustinus ist es sehr wohl aufgefallen: serm. 332,4 (PL 38,1463) zitiert bei: J.L. Kovacs, 1 Corinthians Interpreted by Early Christian Commentators (The Church's Bible), Grand Rapids 2005, 112.
[5]     Dieter Zeller weist diese Deutung mit wei­teren Argumenten zurecht ab: 1 Kor (Anm. 3) 259. 273f.
[6]     Gen 24,14. 16. 43. 45. In V 43 ist es Über­setzung von almah. Näheres bei M. Reiser, Auf­ruhr um Isenbiehl oder: Was hat Jes 7,14 mit Jesus und Maria zu tun?, in: Ders., Bibelkritik und Auslegung der Heiligen Schrift. Beiträ­ge zur Geschichte der biblischen Exegese und Hermeneutik (WUNT 217), Tübingen 2007, 277-330, hier 326-328.
[7]     Vgl. M. Reiser, Jesus und die Frauen (Anm. 2) 51f. Für die israelitische Zeit vgl. C. Locher, Die Ehre einer Frau in Israel. Exegetische und rechtsvergleichende Studien zu Deuteronomi­um 22,13-21 (OBO 70), Göttingen 1986.
8 Vgl. H. von Siebenthal, Griechische Grammatik zum Neuen Testament, Gießen 2011, §197.
[9] Teresa von Avila, Weg der Vollkommenheit. Vollständige Neuübertragung, Freiburg i.Br. 2003, 86 (Kap. 3,3).
[10]    Vgl. C. Koch, Drei Skizzen zur Vesta- Religion, in: Ders., Religio. Studien zu Kult und Glauben der Römer (Erlanger Beiträge zur Sprach- und Kulturwissenschaft VII), Erlangen 1960, 1-16.
[11]   Homilien des heiligen Johannes Chrysos­tomus über den ersten Brief des hl. Paulus an die Korinther. Aus dem Griechischen übersetzt von Dr. Wilhelm Arnoldi, Bischof von Trier Bd. 1, Regensburg 1859, 310.
[12]  Ich verweise hier nur auf Thomas v. Aquin, Summa Theologiae II-II, 152, 1-5